
Damian Paderta
Datengeschichte
“Wer fördert eigentlich wen?” - Wie 360Giving das britische Förderwesen transparenter machte
Ein internationales Vorbild für datengestützte Zusammenarbeit in der Zivilgesellschaft
Stellen wir uns vor, hunderte Förderorganisationen in einem Land vergeben jedes Jahr Fördergelder in Milliardenhöhe an gemeinnützige Organisationen und keine von ihnen weiß, was die anderen tun. So sah es im britischen Förderwesen lange aus. Jede Stiftung, jeder Lotterieverteiler, jede staatliche Förderstelle arbeitete mit eigenen Formaten und eigenen Logiken. Die Daten über Förderungen existierten durchaus, aber sie lagen verstreut in internen Systemen, unvergleichbar und für Dritte unsichtbar. Obwohl viele Förderer Informationen über ihre Förderungen in Berichten, Listen, Datenbanken oder Karten auf ihren Webseiten teilten, erforderte es erheblichen Aufwand, diese Daten zu finden und in eine Form zu bringen, die übergreifende Analysen erlaubte.
Gemeinnützige Organisationen mussten die Förderlandschaft mühsam erkunden, bevor sie auch nur einen Antrag stellen konnten. Doppelförderungen blieben unerkannt, unterversorgte Regionen und Themen fielen durch das Raster.
Was fehlte, war nicht zwingend die Information, sondern eine gemeinsame Basis, um sie zu teilen.
Förderungen werden nachvollziehbarer
Die Gründerin und Direktorin des Indigo Trust, Fran Perrin gründete 360Giving im Jahre 2015, weil sie als Stifterin die Informationen nicht finden konnte, die sie für informierte Förderentscheidungen brauchte. Bereits 2013 hatte Perrin gemeinsam mit ihrem Mann die Entwicklung eines offenen Datenstandards unterstützt. Die Idee: Nicht eine zentrale Datenbank aufbauen, in die alle ihre Informationen einspeisen müssen, sondern einen offenen Standard schaffen, der die vorhandenen Daten dort belässt, wo sie entstehen, und sie trotzdem vergleichbar und auffindbar macht.
Ein Standard aus und für die Gemeinschaft
Der 360Giving Data Standard ist bewusst zugänglich gestaltet: Nur zehn Pflichtfelder sind erforderlich. Die meisten Förderer veröffentlichen ihre Daten in Tabellenformaten. Diese Verbindung von technischer Sorgfalt und praktischer Einfachheit erwies sich als Schlüssel: Organisationen mit ganz unterschiedlicher Datenkompetenz konnten mitmachen, ohne an technischen Hürden zu scheitern. Wer darüber hinaus zusätzliche Informationen teilen möchte, kann den Standard flexibel um eigene Felder erweitern.
Für die Weiterentwicklung des Standards sorgt ein unabhängiges Lenkungsgremium, in dem Förderorganisationen, Datennutzer:innen und technische Fachleute vertreten sind. Unterstützt wird es von der Open Data Services Coop, die als externes technisches Team die Umsetzung begleitet. Diese klare Aufgabenteilung gibt den datengebenden Organisationen Sicherheit: Der Standard wird gemeinschaftlich entwickelt und wurde von der britischen Regierung als offizieller Datenstandard für staatliche Förderdaten übernommen.
Ein weiterer Kniff macht die Daten wertvoller, als sie ursprünglich waren: Liefert ein Förderer in seinen Datensätzen z.B. die Registernummer einer gemeinnützigen Organisation oder eine Postleitzahl, dann verknüpft 360Giving diese automatisch mit öffentlich verfügbaren Informationen. So erfährt man zu jeder Förderung zusätzlich den genauen Standort, die Größe der Empfängerorganisation und ihre Einkommensklasse.
Nicht nur teilen, sondern nutzbar machen
Damit die veröffentlichten Daten auch wirklich genutzt werden, hat 360Giving ein ganzes Werkzeug-Ökosystem aufgebaut: GrantNav als frei zugängliche Suchmaschine, eine API für Entwickler:innen und Forschende. Der Data Quality Checker hilft den Förderern vorab, ihre Daten auf Standardkonformität zu prüfen und ist eine einfache Qualitätssicherung, die Fehler vermeidet, bevor sie sichtbar werden.
Die Wirkung in Zahlen
Zehn Jahre später hat sich die britische Förderlandschaft spürbar verändert. Über 320 Förderorganisationen veröffentlichen mittlerweile mehr als eine Million Förderungen im Gesamtwert von über 265 Milliarden Pfund im Jahre 2024. Darunter sind Daten zu Förderungen an über 400.000 Organisationen; mehr als 100.000 Menschen haben die Daten im vergangenen Jahr über die verschiedenen Tools genutzt. Der kulturelle Wandel zeigt sich auch daran, dass Datenveröffentlichungen im britischen Förderwesen mittlerweile zur erwarteten Praxis geworden sind.
Beispiel: der COVID-19-Grants-Tracker
Die eindrücklichste Geschichte erzählt sich aber nicht in Milliardensummen, sondern in einer konkreten Krisensituation. Als im März 2020 die COVID-19-Pandemie das Vereinigte Königreich traf, entwickelte 360Giving einen COVID-19 Grants Tracker, der tagesaktuell sichtbar machte, welche Förderer bereits welche Organisationen in welchen Regionen unterstützten. Über 68.000 pandemiebezogene Förderungen wurden darüber erfasst. Als auch die britische Regierung ihre COVID-19-Förderdaten im 360Giving-Standard veröffentlichte, konnten erstmals über eine Milliarde Pfund an pandemiebezogenen Förderungen gemeinsam analysiert werden.
Die Mehrheit der Förderungen an gemeinnützige Organisationen lag unter 10.000 Pfund und über 77 Prozent der geförderten Organisationen hatten ein Jahreseinkommen unter einer Million Pfund.
Plötzlich konnten Förderer sehen, wo ihre Kolleg:innen bereits aktiv waren und ihre eigenen Mittel gezielt dorthin lenken, wo Lücken bestanden. Somerset Community Foundation etwa kartierte ihre Förderungen gegen den COVID-19 Vulnerabilities Index des Britischen Roten Kreuzes und konnte so evidenzbasiert dort unterstützen, wo die Not am größten war.