Erdbeben

Datengeschichte

Humanitarian OpenStreetMap: Wenn offene Karten Leben retten

Nach einem Erdbeben kann jede Minute zählen. Straßen sind zerstört, Gebäude eingestürzt, ganze Dörfer von der Außenwelt abgeschnitten. Doch oft fehlen Helfer:innen in diesen Momenten insbesondere in ländlichen Regionen aktuelle Karten, um die Krisenorte finden zu können.

 Das internationale Projekt Humanitarian OpenStreetMap Team (HOT) versucht, dieses Problem zu lösen – mit offenen Geodaten und einer weltweiten Community mit mehr als 700.000 Freiwilligen. Die Organisation sammelt, erstellt und aktualisiert digitale Karten dort, wo offizielle Daten fehlen oder veraltet sind. Besonders in Krisen- und Katastrophengebieten kann das über Leben und Tod entscheiden.

Kartieren als humanitäre Hilfe

HOT ist eine internationale NGO, die mit offenen Geodaten arbeitet. Ziel ist es, Regionen sichtbar zu machen, die auf Karten oft kaum erfasst sind. Viele Länder verfügen nicht über aktuelle oder frei zugängliche Geodaten. Besonders in Konflikt- oder Katastrophengebieten erschwert dies humanitäre Hilfe, Stadtplanung oder Gesundheitsversorgung.

Als Basis dient OpenStreetMap  – eine frei zugängliche Weltkarte, die ähnlich wie Wikipedia gemeinschaftlich bearbeitet wird. Menschen aus aller Welt tragen dort Straßen, Gebäude, Schulen, Krankenhäuser ein.

Die Datenerhebung erfolgt über verschiedene Wege. Mithilfe von Satelliten- und Drohnenbildern kartieren Freiwillige aus der Ferne Gebäude und Verkehrswege. Über das sogenannte „Tasking Manager“-System" werden große Gebiete in kleine Aufgaben aufgeteilt, die die Community gemeinsam bearbeitet. Zusätzlich sammeln lokale Teams Informationen direkt vor Ort, etwa zu beschädigten Gebäuden, Evakuierungszentren oder fehlender Barrierefreiheit.

Dabei entstehen unterschiedliche Arten von Geodaten. Rasterdaten – also Luft- oder Satellitenbilder – dienen als Grundlage für die Kartierung. Daraus werden Vektordaten erzeugt: digitale Informationen über Straßen, Gebäude oder andere Infrastruktur. Diese Daten können anschließend analysiert und für konkrete Entscheidungen genutzt werden.

Freetown: Einwohner:innen entwickeln Karten

Wie solche Daten langfristig eingesetzt werden können, zeigt ein Projekt in Freetown, der Hauptstadt Sierra Leones. Dort baute HOT gemeinsam mit dem Stadtrat die erste stadtweite „Open Drone Crew“. Dort erfassten Einwohner:innen mithilfe von Drohnen Luftbilder der gesamten Stadt.

Die Daten helfen inzwischen bei verschiedenen Problemen der Stadtplanung. So wurden Barrieren für Menschen mit Behinderungen kartiert, Hitze-Hotspots identifiziert und Risiken durch den sogenannten Urban-Heat-Island-Effekt untersucht. Statt zur kurzfristigen Krisenhilfe dienen die offenen Karten in Freetown der langfristigen Stadtentwicklung und Klimaanpassung.

Karten für den Katastrophenfall

Besonders sichtbar wird die Bedeutung offener Geodaten jedoch nach Naturkatastrophen.

Nach dem schweren Erdbeben in der Türkei und Syrien 2023 koordinierte HOT gemeinsam mit der türkischen OpenStreetMap-Community die Kartierung von Straßen und Gebäuden in betroffenen Regionen. Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen, das Rote Kreuz ( oder türkische Rettungsdienste nutzten die aktualisierten Karten, um zerstörte Straßen zu umgehen und betroffene Orte schneller zu erreichen.

Auch nach dem Erdbeben in Marokko im selben Jahr halfen Freiwillige dabei, beschädigte Straßen und abgelegene Dörfer zu erfassen. Organisationen wie World Central Kitchen konnten dadurch ihre Lieferwege planen und Reisezeiten besser einschätzen.

Ein weiteres Beispiel ist Hurrikan Melissa, der 2025 Jamaika traf. Dort kombinierten lokale Teams Drohnenaufnahmen, Satellitenbilder und Meldungen aus der Bevölkerung. Mithilfe digitaler Karten konnten Schäden an Gebäuden dokumentiert und besonders betroffene Haushalte identifiziert werden.

Warum offene Daten hilfreich sind

Die Daten von HOT sind öffentlich zugänglich. Genau darin sieht die Organisation einen zentralen Vorteil. Viele Regierungen oder Hilfsorganisationen verfügen nicht über ausreichende finanzielle Mittel, um teure Geodatensätze einzukaufen. Gleichzeitig liegen vorhandene Daten oft bei verschiedenen Behörden und lassen sich nicht miteinander kombinieren.

Offene Daten verhindern zudem, dass Informationen verloren gehen. HOT berichtet von einem Projekt, bei dem Geodaten zu Verkehrssystemen nach einem Regierungswechsel praktisch unzugänglich wurden. Die neue Verwaltung konnte die ursprünglichen Rohdaten nicht mehr nutzen und hätte die Datenerhebung teuer wiederholen müssen. Erst durch Zufall konnte ein ehemaliger Projektmitarbeiter die Daten wieder auffindbar machen.

Open Data soll genau solche Probleme vermeiden: Daten bleiben dauerhaft zugänglich, unabhängig von politischen Veränderungen oder einzelnen Institutionen.

Wie zuverlässig sind Freiwilligendaten?

Dass Zehntausende Freiwillige Karten bearbeiten, wirft jedoch auch Fragen nach der Datenqualität auf. HOT begegnet diesem Problem mit mehrstufigen Kontrollsystemen. Erfahrene Mapper:innen überprüfen die Beiträge anderer Freiwilliger und korrigieren Fehler. Zudem erhalten neue Mitglieder:innen Feedback.

Für sensible Projekte gelten zusätzliche Anforderungen: Manche Kartierungskampagnen dürfen nur von besonders erfahrenen Freiwilligen bearbeitet werden. So soll sichergestellt werden, dass wichtige Entscheidungen auf möglichst verlässlichen Daten basieren.

Daten als Werkzeug für Sichtbarkeit

Die Arbeit von HOT zeigt, dass Daten weit mehr sein können als abstrakte Zahlen oder technische Informationen. Karten entscheiden darüber, welche Orte sichtbar werden – und welche nicht. Wer auf keiner Karte existiert, wird im Katastrophenfall oft auch bei Hilfsmaßnahmen übersehen.