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Datengeschichte
Daten-Challenge nimmt Digitalhaushalt in den Blick
Wie viel Geld gibt der Bund für Digitalisierung aus? Ein systematischer Überblick hierzu fehlte. Die zivilgesellschaftliche Organisation Agora Digitale Transformation hat gemeinsam mit dem ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung - mehr als 20.000 Haushaltstitel der Jahre 2019 bis 2025 systematisch aufbereitet. Mit dem entstandenen, offenen Datensatz arbeiteten elf Teams über drei Wochen in einer Daten-Challenge.
Was war der Auslöser für die Daten-Challenge?
Im Interview berichtet der fachliche Leiter der Daten-Challenge, Lukas Birkenmaier über die Challenge, die Ergebnisse und Herausforderungen. Er ist auch ehemaliger Fellow bei Agora Digitale Transformation .
Lukas Birkenmaier: Der Auslöser war die Entwicklung des Datensatzes zum Digitalhaushalt der Bundesregierung durch die Agora Digitale Transformation in Kooperation mit dem ZEW - Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung. Da bisher ein vollständiger Überblick darüber fehlte, wofür die Bundesregierung für die Digitalisierung ausgibt, wurde dieser Datensatz erstellt, um Ausgaben systematisch zu quantifizieren und sichtbar zu machen. Die Daten-Challenge verfolgte das Ziel, diesen Datensatz für neue Fragestellungen und innovative Analysen zu öffnen, da die Daten ein enormes Potenzial für tiefere Erkenntnisse durch Verknüpfungen und Deep-Dives bieten.
Wer hat an der Challenge teilgenommen?
Lukas Birkenmaier: An der Challenge nahmen Teams mit vielfältigen Hintergründen teil, darunter Studierende und Forschende der HWR Berlin, der Hochschule Düsseldorf und der Technologiestiftung Berlin. Dieser Mix bot einen enormen Mehrwert: Während akademische Teams starke Methodenkenntnisse einbrachten, bereicherten die Teams der Zivilgesellschaft den Diskurs durch innovative Visualisierungen und die Verknüpfung der Daten mit gesellschaftlich relevanten Themen wie der Cybersicherheit oder der Wähler:innenperspektive.
Was sind die Ergebnisse der Challenge?
Lukas Birkenmaier: Sechs Teams mit unterschiedlichen Hintergründen analysierten über drei Wochen hinweg die mehr als 27.000 Haushaltstitel der Jahre 2019 bis 2025. Die Einreichungen deckten ein breites Spektrum ab, von Schlagwort- und Netzwerkanalysen über Ressort- und Trendanalysen bis hin zu spezifischen Untersuchungen zu Cybersicherheit oder dem Vollzug des Haushalts. Am 18. Juni 2026 wurden die besten Arbeiten in den Kategorien „Beste Erkenntnisse“ sowie „Beste Kommunikation & Visualisierung“ prämiert.
Welche Erkenntnisse haben Euch am meisten überrascht?
Lukas Birkenmaier: Alle Teilnehmenden leisteten hervorragende Arbeit. Herausragend war zum Beispiel Juan Vivanco (1. Platz „Beste Erkenntnisse“), der untersuchte, wie sich digitale politische Prioritäten aus Koalitionsverträgen im Haushalt niederschlagen – mit dem Ergebnis, dass sich diese Begriffe nicht per se direkt in Haushaltstitel übersetzen lassen. Zudem nutzte er Regressionsanalysen, um aufzuzeigen, dass Faktoren wie die Ausgabenart, die Bestandsjahre eines Titels und EU-Vergabepflichten robuste Prädikatoren dafür sind, wie digitale Mittel tatsächlich verausgabt werden. Beispielhaft hervorzuheben ist zudem die Analyse von Joshua Meurer, Matthias Mey, Alexander Rosen und Paul Voigt (HWR Berlin), die das Digitalbudget aus Sicht der Wähler:innen betrachtete und die Ausgaben im Kontext einzelner Parteien und Minister:innen analysierte.
Was sagen die Ergebnisse über die Qualität offener Verwaltungsdaten aus?
Lukas Birkenmaier: Es zeigt sich ein erhebliches ungenutztes Potenzial, aber auch deutliche Defizite: Die Tatsache, dass ein Forschungsprojekt zur Berechnung des Digitalhaushalts überhaupt notwendig ist, belegt, dass die verfügbaren Daten für eine strategische Steuerung der Digitalausgaben derzeit nicht ausreichen. Der Detailgrad und die Logik der Haushaltstitel müssen verbessert werden; konkret wird vorgeschlagen, den Funktionenplan zu erweitern (z. B. durch Kennungen für Digitalisierungsanteile) und präzisere, maschinenlesbare Erläuterungstexte bereitzustellen, um Analysen zu beschleunigen und Inkonsistenzen zu reduzieren.
Welche Auswirkungen könnten die Ergebnisse auf Politik und Verwaltung haben?
Lukas Birkenmaier: Die Ergebnisse verdeutlichen, dass Digitalisierung kein Nischenthema ist, sondern alle Ressorts betrifft. Die Agora Digitale Transformation hat erstmals belastbare Daten geliefert, die eine politische Diskussion über Prioritäten und Effizienz ermöglichen. Dies könnte dazu führen, dass die nächste Bundesregierung eine echte Wirkungsanalyse ihrer Ausgaben durchführt. Langfristig zielen die Vorschläge auf die Einführung eines ressortübergreifenden Digitalbudgets unter Federführung des BMDS ab, um Doppelinvestitionen zu vermeiden und eine zentrale Steuerung sowie Kontrolle der IT-Ausgaben zu ermöglichen (z.B. mithilfe des IT-Zustimmungsbehaltes)
Wo liegen die größten Herausforderungen, wenn man Digitalausgaben des Bundes überhaupt sichtbar machen möchte?
Lukas Birkenmaier: Die größte Hürde ist, dass weder die Bundesregierung noch der Bundestag derzeit einen vollständigen Überblick über die Digitalausgaben haben, da der Haushalt nicht auf Transparenz in diesem Bereich ausgelegt ist. Oft bieten die Daten lediglich einen groben Orientierungsrahmen, da der Bundeshaushalt Ausgaben in Bezug auf Digitalausgaben nicht detailliert genug unterscheidet. Zudem sind die Erläuterungstexte in den Haushaltsplänen häufig nicht präzise genug für eine eindeutige Zuordnung, weshalb Digitalanteile oft mühsam manuell geschätzt werden müssen.
Welche Rolle spielen offene Daten für demokratische Kontrolle?
Lukas Birkenmaier: Offene Daten spielen eine zentrale Rolle für die demokratische Legitimation. In Zeiten knapper Kassen ermöglicht Transparenz über Digitalausgaben nicht nur eine zielgerichtete politische Steuerung, sondern auch eine unabhängige Überprüfung durch die Öffentlichkeit. Sie erlauben es Bürger:innen und Wähler:innen nachzuvollziehen, ob politische Versprechen aus Koalitionsverträgen finanziell unterlegt sind und welche Ministerien ihre Prioritäten wirksam umsetzen.
Wie geht es jetzt weiter?
Lukas Birkenmaier: Die Agora Digitale Transformation wird das Projekt Digitalhaushalt weiter aktiv begleiten; so wurden kürzlich bereits die Daten für das Jahr 2025 veröffentlicht. Das Format der Daten-Challenge hat sich als sehr erfolgreich erwiesen – der dreiwöchige Zeitraum und der intensive Austausch in Sprechstunden wurden von den Teilnehmenden sehr positiv bewertet. Die Challenge wird wiederholt werden, in welcher Form ist noch offen, aber die Begeisterung für das Format und die gewonnenen Erkenntnisse bilden eine starke Basis für zukünftige Initiativen.
Zur Organisationspräsenz von Agora Digitale Transformation im Datenatlas Zivilgesellschaft.